Erweiterte Akkorde – Erklärt mit Broten

Jede*r von uns war irgendwann an dem Punkt, wir haben unser Instrument in die Hand genommen und haben versucht, darauf irgendwas zu spielen. Vorsichtig wurde auf Tasten gedrückt, unbeholfen an Saiten gezupft, mit völlig falscher Technik in Mundstücke geprustet. Wenn es sich um ein begleitendes Instrument handelt dann war unser erster und ewiger Everest der Akkordwechsel. Immer wenn unsere Finger und Hände in Millisekunden von einer zur anderen Stelle springen mussten – am Besten innerhalb von 0,1 Nanosekunden – waren wir uns sicher. Das schaffen wir NIEMALS! Das Instrument mit dem wir begonnen haben war nicht so billig um uns bei der Bedienung im Weg zu stehen, aber eben auch teuer genug um es nicht nach den ersten Versuchen wieder weg zu legen. Und dann schlagen wir das Songbuch unseres Vertrauens auf und lesen sowas:

em / G / D / A7sus4 / C

(Today was gonna be that day….)

Und fragen uns spätestens bei Asiebensus4 was bitte sein soll? Vor allem, wenn ein A-Akkord doch so einfach zu spielen ist, wo soll ich meine Fingerchen noch hinbiegen? Noch immer bin ich deutlich langsamer als die erforderlichen 0,1 Nanosekunden!

Ich möchte erklären, warum sich die Verbiegerei lohnt. Warum es sich sogar sehr lohnt, solche Verdrehungen zu schreiben. Ich werde mich an Basiswissen halten, ich könnte gerne sehr viel mehr schreiben. Wenn ich einen Fachausdruck hinterlasse schreibe ich ihn als *Fachausdruck falls jemand selbst googlen möchte. (Der # ist in der Musik bereits als Symbol belegt)

Und zum besseren Verständnis werde ich das ganze mit Wurstbroten erklären. Auf geht’s!

C-Dur. Das Butterbrot unter den Akkorden

Das ist ein freundliches C-Dur. Sagt hallo! C-Dur ist wie alle Grundakkorde ein Dreiklang aus dem Grundton C, der großen *Terz E (dritter Ton der Tonleiter) und der *Quinte G (fünfter Ton der Tonleiter). Wenn wir statt der großen eine kleine Terz (Eb) genommen hätten wäre es ein ernstes c-moll. In unserem westlichen Verständnis von Musik sind *Moll Akkorde schwer, ernst und etwas traurig, *Dur dagegen leicht, hell und freundlich. Es gibt auch noch Verminderte und Erweiterte Akkorde, die nur aus kleinen bzw. großen Terzen bestehen. Ihr Klang ist ungewöhnlich und ihr Einsatz selten.

Bei Rockgitarristen, die kräftige *Powerchords spielen fehlt meist der Mittelton, technisch gesehen heisst der Akkord C5, die Färbung ergibt sich dann aus der sonstigen Begleitung und dem Akkordverlauf. Auch kann sich der Bassist theoretisch einen Ton aus dem Akkord aussuchen, den er spielt oder auch völlig wirre Sachen spielen. Dieser Absatz nur als Anmerkung, wir gehen nicht mehr darauf ein.

C-Dur tut seine Pfilcht. Einfach und unaufgeregt

Einfache Dur-Akkorde sind das Butterbrot unter den Klängen. Reibt sich an nichts, man kann dazu essen und trinken, was man möchte. Irgendwie ist es aber auch langweilig. Wollen wir eine Beilage hinzufügen?

Cmaj7 / C9 / D-Dur

So bedrohlich die Bildunterschrift wirkt, so simpel und nachvollziehbar ist das Ganze in Notenform. Dem unschuldigem C-Dur wurde zunächst eine weitere große Terz aufgesetzt, dieser spezielle Ton sprang dann von sich aus wiederum eine Terz weiter. Zuletzt löste sich alles in einem gefälligen D-Dur Akkord ohne dickmachende Zusätze auf (man muss es ja nicht übertreiben).

Wer nun fit in der Theorie ist, fragt sich hier bereits, was ist eigentlich die Grundtonart, sind wir gar in *Lydian oder *Mixolydian? Das alles interessiert uns nicht, denn wir sitzen immer noch beim Frühstück und irgendjemand hat uns RADIESCHEN auf die Butterstulle gelegt! Wir mögen doch gar keine Radieschen, zumindest haben wir sie noch nie versucht.

Noch keine große Kunst, aber schon wird eine kleine Geschichte erzählt.

Es schmeckt und klingt interessant. Ein Stirnrunzeln, eine kleine Überraschung, ein Aufatmen. Stellt Euch die selbe Akkordfolge vor, aber wir ignorieren die Erweiterungen. Die Radieschen sind wieder weg. Der Sprung von C nach D-Dur ist nicht uninteressant aber letzlich kauen wir wieder wie jeden Morgen auf dem blöden Butterbrot herum. Hätten wir doch nur irgendwann das kochen gelernt oder zumindest, wie man sich ein schönes Brot macht…. Dieses Gefühl? Ich hab da was:

cmoll6/9 kennt Deinen Schmerz. Cmoll6/9 versteht Dich!

Bis hierher alles klar? Gut, dann kommen jetzt die fetten Kanonen (yeah!)

Natürlich ist die Versuchung groß, ab einem gewissen Punkt einfach sämtliche harmonischen Konventionen über Bord zu werfen und am Reissbrett oder Kraft des eigenen freien Geistes die verrücktesten Vierklänge, Fünfklänge oder was auch immer für Gebilde zu erschaffen, das Schöne ist aber, es gibt einen Mittelweg, der im Pop leider viel zu selten vorkommt und der im Jazz (mag ich teilweise sehr gerne) meist schon überschritten ist.

Hören wir uns mal die Akkorde meines ersten Covers – Early Winter – an, wo ich teils nach Gehör, teils durch Probieren, die Nuancen und Gefühle in die Harmonie eingebaut habe, die ich wollte.

Und ich denke, jeder Akkord ist sehr kompetent darin, ein melancholisches, seufzendes aber nicht zu verzweifeltes Gefühl auszulösen. Unser Brot ist belegt mit salziger Butter, ein wenig süße Paprika, dazu Snackgurken aus dem Glas.

Zum Vergleich die Sequenz als unverdelte Dreiklänge, Akkorde vor denen beim Nachlesen niemand Angst hat.

Da ist es wieder. Das Butterbrot! Und plötzlich hat man das Gesicht eines jeden Popproduzenten vor Augen, der uns mitteilt, dass allmählich jedes Lied, jede Akkordfolge geschrieben wurde und es dadurch leider vorkommt, dass sich populäre Musik sehr ähnlich anhört. Ich möchte das Brot anschreien, dass es sich doch einfach ein wenig Mühe geben soll!

Nachdem wir den Fettfleck an der Wand in der Wohnstube entfernt haben, durch die eben unser Frühstück flog, sehen wir uns mal die Akkorde an.

am / Cmaj7 / G6 / Fmaj7

Und es sieht bedrohlich aus. Vor allem aber verschweigt es ein Detail: Die Erweiterungen sind zwar angegeben, zugunsten der Farbe habe ich aber am Grundakkord gespart. Es ist nicht immer ein normales Brot, manchmal ist es nur ein Brötchen oder Knäckebrot, die Basis der Harmonie ist bewusst eine dünne!

In Notenform sieht die Sache schon unaufgeregter aus. Klar, beide Hände sind beschäftigt, aber das lässt sich mit mittleren Skills spielen.

Conclusion

Musik ist toll (nicht? Dann Respekt, dass ihr bis hierher gelesen habt). Und all das Zeug, dass ich hier geschrieben habe, kann ich in zwei Appellen zusammenfassen: Habt keine Angst, wenn mehr als zwei Buchstaben über Noten auftauchen, und, habt Mut, mit Euren Fingern scheinbar ziellos hin- und herzudriften, unsere chromatische Tonleiter ist sehr geduldig. Kippt Farbe auf die Harmonien! Esst mal würziges statt süßes Frühstück.

Wenn die Alternative ist, dass wir sämtliche Musik auf vier oder sechs Grundakkorden aufbauen, was früher oder später gähnend langweilig wird, dann ist das hier

keine kulinarische Monstrosität mehr, sondern es erzählt eine interessante Geschichte!


Anhang: Ein poppiges Lied mit sehr reichhaltigen Akkorden: „Virtual Insanity“



Credits: Danke an TukTuk für dieses wundervoll abstrus belegte Brot.
Noten und Klangbeispiele wurden mit musescore erstellt.
Weitere Bilder (cc-by-nc-nd) Gourmandise@Flickr

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